Vierter Programmpunkt und zugleich Höhepunkt war jetzt die Gedenkstättenfahrt unserer Erinnerungskultur AG. Nach Stolpersteinführung in der Hagener Innenstadt, dem Besuch einer Zweitzeugen-Ausstellung und der Mitorganisation der Stolperstein-Verlegung für den jüdischen Metzger Albert Koppel ging es nun mit 17 Teilnehmer*innen mit dem Bus Richtung Polen. In Zusammenarbeit mit dem IBB (Internationales Bildungs- und Begegnungswerk) auf der Tagesordnung standen Gedenkstättenführungen im Stammlager Auschwitz, im Außenlager Auschwitz-Birkenau sowie der Vortrag einer Zeitzeugin.
In den Konzentrationslagern wurden wir mit vielen Aspekten des Lagerlebens konfrontiert, die einfach nur nahegingen. Besonders persönliche Gegenstände wie Brillen und Koffer und Haare der damaligen Opfer machten das Gesehene und Gehörte greifbar. Einen besonderen Bezug bekamen wir am Mahnmal für die ermordeten Opfer im Lager Birkenau, als wir an Albert Koppel dachten, für den wir im Januar einen Stolperstein in Hohenlimburg verlegt hatten. Im Gedenken an Albert Koppel legte jeder eine Rose nieder. Im acht Meter langen „Buch der Namen“ in Auschwitz, das die Namen von 4,8 Millionen ermordeten jüdischen Männern, Frauen und Kindern enthält, suchten und fanden wir Albert Koppel. So bekam eines der vielen Opfer für uns ein Gesicht.
Eine besondere Note erhielt die Reise durch die Zusammenarbeit im Rahmen von Erasmus+ mit unserer Partnerschule, der Nr 4 Szkół Ekonomiczno-Gastronomicznych in Auschwitz mit den Fachrichtungen Ökonomie und Gastronomie. Bereits im letzten Jahr war eine Gruppe unserer Schule zum ersten Mal vor Ort. Auf Lehrerseite war es daher ein nettes Wiedersehen mit bereits bekannten Gesichtern.
Damit sich auch die Jugendlichen kennenlernen konnten, organisierten die polnischen Schüler*innen gemischte Gruppen mit gemeinsamen Aktivitäten: kunstvolles Serviettenfalten, das Gestalten und Drucken von Kühlschrankmagneten sowie das Basteln von Dekorationsobjekten aus Papier. In weiteren Workshops tauschten wir uns über das Leben in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Konzentrationslager aus. Zudem erarbeiteten wir Informationen zu verschiedenen Opfergruppen und präsentierten unsere Ergebnisse. Zusammenhalt entstand bei einem Stadtrundgang unter dem Motto „Ich zeig dir meine Stadt“, bei dem die polnischen Schülerinnen und Schüler uns wichtige Orte der Innenstadt erklärten.
Sie begleiteten uns auch zu den Bleistiftzeichnungen des polnischen Auschwitz-Häftlings Marian Kolodziej im Kloster Harmęże, der erst mit über 70 Jahren nach einem Schlaganfall begann, seine Erlebnisse durch detaillierte Bilder auszudrücken. Am Ende waren es über 300. Der Großteil der Darstellungen zeigt ausgemergelte Häftlinge, was sehr bedrückend anzugucken war. Kolodziej selbst hatte einmal dazu gesagt: „Das sind keine Bilder. Das sind Schreie, eingeschlossen in Zeichnungen“. Beim Betrachten war das deutlich spürbar.
Noch bewegender war der Besuch einer Zeitzeugin, die extra zum Sitzungssaal unseres Hotels kam. Auch hier waren die polnischen Schülerinnen und Schüler dabei. Die heute 82-jährige Stefania Wernik wurde 1944 im Lager Birkenau geboren. Bis heute leidet sie unter den Folgen der medizinischen Experimente, die der Lagerarzt Josef Mengele an ihr durchführte. Ihre persönlichen Schilderungen hinterließen bei uns allen einen nachhaltigen Eindruck.
Neben den Programmpunkten in Auschwitz stand zum Schluss auch Krakau für zwei Tage auf dem Reiseplan. Dort besuchten wir unter anderem das jüdische Viertel Kazimierz sowie die historische Altstadt. Den letzten Abend unserer einwöchigen Reise verbrachten wir bei einem gemeinsamen Abendessen mit traditioneller Musik in einem sehr gemütlichen jüdischen Restaurant.
Nach 13 Stunden Busfahrt kehrten wir schließlich nach Hohenlimburg zurück – mit vielen Eindrücken und der Gewissheit, dass Erinnerungskultur ein dauerhaftes Thema bleiben muss.